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Lehrlingstagebuch eines Speditionskaufmann in der Luftfracht

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Paul123 #1 Link


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Dabei seit: Dez 10, 2014
Beiträge: 18

BeitragVerfasst am: 22 Jul 2015 - 19:52

Liebe Leser,

Seit erstem Juli befinde ich mich in einer Ausbildung zum Speditionskaufmann. Da ich mir selber so etwas gewünscht hätte, habe ich beschlossen, ein "Tagebuch" zu schreiben. Es wird kein Tagebuch sein, in das ich wirklich jeden Tag schreibe, sondern alle zwei bis drei Wochen, aber es sollte zukünftigen Lehrlingen einen kleinen Einblick in den Alltag eines Speditionskaufmannes geben. Würde mich sehr über Feedback freuen.

Die Anfänge | Person und Beschreibung der Ausbildungsstätte

Ich bin jetzt schon 20 Jahre alt. Eigentlich habe ich Matura (Abi) gemacht. 2012 war das. Nachdem ich meinen Grundwehrdienst absolvierte (bin Österreicher), habe ich mich für ein Studium im technischen Bereich entschieden. Leider stellte ich schnell fest, dass das absolut nichts für mich ist. Ich habe daraufhin versucht, im Berufsleben Fuß zu fassen und habe mich durch schlecht bezahlte und undankbare Jobs (Kellner, Tankwart etc) irgendwie durchgebracht. Irgendwann kam der Moment, an dem ich dachte, dass man ohne Studium oder Lehre am Arbeitsmarkt keinen Wert hat. Man wird nie die Möglichkeit haben, einen angenehmen Beruf auszuüben, der gut bezahlt wird und gute Arbeitszeiten und -verhältnisse bietet.

Daraufhin habe ich mir jeden einzelnen Lehrberuf genau angesehen. Berufe wie Friseur oder Einzelhandelskaufmann fielen sofort weg, da das einfach nichts für mich ist. Nachdem ich einige handwerkliche Berufe gefunden habe, die mir gefallen würden, bin ich nach näherer Recherche auf den Schluss gekommen, dass auch das Handwerk nichts für mich ist. Blieb nur eine Lösung - ein kaufmännischer Lehrberuf. Zuerst wollte ich den klassischen Bürokaufmann machen. Geregelte Arbeitszeiten, Gehalt ist in Ordnung und die Weiterbildungsmöglichkeiten sind OK - gute Voraussetzungen. Nach einiger Zeit der Suche habe ich ein Stellenangebot einer Spedition gefunden, und da ich garnicht wusste, was das ist, habe ich beschlossen, mich zu informieren. Viele Platformen wie Youtube etc haben mir einen sehr guten Einblick in das Leben eines Speditionskaufmannes gegeben. Ich stellte mir das so vor: Man hat geregelte Arbeitszeiten, ist nicht ausschliesslich im Büro, aber der Beruf ist trotzdem nicht allzu anstrengend. Und vor allem die Materie war das, was mir gefiel. Reisen über die ganze Welt organisiseren, globale Organisationstätigkeiten mit vielen unterschiedlichen Menschen vom ganzen Planeten durchzuführen - das klang super. Ich wusste: Das ist mein Ding.

Das war aber nicht alles, der schwerste Teil sollte noch vor mir stehen. Es war Jänner 2015, als ich mich entschied, diesen Bildungsweg einzuschlagen. Anfangs waren es nur Großkonzerne wie Schenker oder Dachser, die so früh schon Personalpolitik in dem Bereich betrieben. Von den meisten kam keine Antwort, einzig Schenker lud mich zu einem Testtermin ein. Den Test bestand ich, bekam allerdings nur ein Angebot einer Spedition in meiner Heimatstadt. Da ich aber weg von daheim wollte, habe ich weitergesucht.

Eines Tages habe ich dieses Offert einer mir damals unbekannten Spedition im Net gefunden. Ich hatte gemischte Gefühle. Kleinbetriebe haben in dieser Branche oft das Vorurteil, ihre Lehrlinge als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen. Trotzdem habe ich mich beworben, und genau an meinem Geburtstag wurde ich zum Vorstellungsgespräch geladen. Als ich dort ankam, habe ich bemerkt - Teile meiner Vorurteile haben sich als nicht wahr herausgestellt. So klein war mein Betrieb garnicht.

Der Chef, der mich empfing, war ein junger Mann anfang 40, der sehr seriös wirkte, aber trotzdem einen netten und familiären Eindruck machte. Kompetent schilderte er mir das Unternehmenskonzept und ich erfuhr, dass mehr als 300 Mitarbeiter in dieser Firma arbeiten. Lediglich der Standort, an dem meine Niederlassung sich befindet, ist relativ klein. Sechs Personen arbeiten hier. Ich wurde auf ein Getränk eingeladen und mir wurden Fragen gestellt. Mir wurde sogar ein englischer Text gegeben, den ich zusammenfassen sollte. Das war alles sehr familiär und der Chef sagte mir, dass am Folgetag noch jemand zum Vorstellungstermin erscheinen würde und ich eine Woche darauf bescheid bekommen würde.
Am nächsten Tag bekam ich schon meine Zusage.

Heute weiss ich - das Unternehmen ist Teil eines weltweit führenden Logistikunternehmens, tritt hierzulande allerdings unter anderem Namen auf. Es handelt sich um eine reine Luftfrachtspedition, die an einen mittelgroßen Flughafen angegliedert ist. Das Büro ist modern und verfügt über Klimaanlage, leistungsstarke Rechner und ausreichenden Komfort. Man kann sagen, von der Location her würde es keinen besseren Ort geben, um eine Lehre zu machen. Auch das Lehrlingsprogramm ist super. Ich - als Lehrzeitverkürzer - darf in der Dienstzeit Aufgaben aus der Berufsschule erledigen, es gibt einen eigenen Angestellten, der nur für Lehrlinge zuständig ist und sich regelmässig meldet und fragt, ob man zufrieden ist oder was bemängeln könnte. Ich würde sagen, ich habe den Joker geknackt ;)

Arbeitsinhalt eines Speditionskaufmannes zusammengefasst

Für diesen Part gibt es kein Gewähr. Ich bin selbst erst seit nicht mal vier Wochen da. Allerdings habe ich einen groben Überblick über das Aufgabengebiet eines Speditionskaufmannes bekommen.
Im Grunde beginnt alles so - ein Industriebetrieb, nehmen wir VW als Beispiel - hat 1t Ware, die nach China gebracht werden muss. VW bittet bei fünf Speditionen um ein Angebot und wird sich für das passendste entscheiden. Das passendste ist nicht gleich das günstigste, da neben den Kosten auch noch die Laufzeit eine Rolle spielt. Schon da beginnt die Arbeit für einen Speditionskaufmann. Es wird ein Angebot erstellt - es werden die Kosten für den Transport vom VW Werk zum Umschlagpunkt (zB Flughafen) berechnet, es werden Airlineservices kontaktiert, die dann dir ein Angebot erstellen, aus dem dann du aussuchen darfst. Am Ende bietet dir das Frachtsevice X für den Transport bis zum Airport einen Preis von 50€ an. Die Airline übernimmt den Transport bis zum Endflughafen um 1.300€. Also kostet uns der Transport 1350€. Je nach Aufwand wird natürlich ein Profit zugerechnet, mit dem die Mitarbeiter etc bezahlt werden. VW bekommt ein Angebot um 1500€, 150€ Profit - VW nimmt an.

Von da an ist alles in unseren Händen. Das Frachtservice wird mit dem Transport zum Flughafen beauftragt, das bedarf schon dem einem oder anderen Telefonat bzw Mail und auch ein klein wenig Papierarbeit. Auch die Airline wird beauftragt, den Flug, den sie uns zuvor angeboten haben, einzubuchen. Es wird ein Akt erstellt, der stets an Papieren wächst. Es kommen Zollpapiere, Flugdaten und ein ganzer Haufen anderer Dokumente dazu. Dann werden die genaueren Umstände der Ware geklärt - muss sie gescreent werden, also muss sie durch ein Röntgengerät, muss sie irgendwie besonders verpackt oder luftfrachttauglich gemacht werden etc. Der Frächter bringt die Ware zum Flughafen, wo sie Mitarbeiter des Flughafens annehmen und lagern. Wir kontrollieren die Ware und bereiten sie mit den nötigen Dokumenten zum Transport vor. Wenn die Ware weg ist, kontrollieren wir nur mehr den genauen Verlauf, da es oft zu Verspätungen kommt oder Ware abhanden kommt. Im Grunde kann man sagen, dass der Kunde nur einen Auftrag gibt - er will 1t in drei Tagen in Peking haben. Alles, was dazwischen ist, organisieren wir.

Arbeit für einen Lehrling

Dass der Lehrling nicht über die Fähigkeiten verfügt, am Tag eins schon selber Aufträge abzuwickeln, ist klar. Das erwaret auch keiner. Zu Beginn - so wars bei mir - wusste ich absolut garnicht, was meine Kollegen da eigentlich machten. Die kleinsten Kleinigkeiten waren da schon ein Problem für mich. Ich bekam einfache Aufträge, wie Daten in eine Excel Liste einzutragen oder so. Nach den ersten Tagen war ich immer relativ skeptisch da mir absolut der Durchblick fehlte. Nach und nach aber wurden mir die Abläufe immer klarer. Ich wusste irgendwann, welche Papiere welchen Sinn haben und welche Nummern dann auf welchen Akt gehören etc.
Heute bin ich schon weiter - zwar noch weit entfernt davon, was meine Kollegen leisten, aber immerhin habe ich schon Aufgaben, die ich selber übernehmen kann, wie zB das sog. Flüge checken. In einem Onlineprogramm habe ich jeden Tag eine gewisse Anzahl an Sendungen, die eben an dem Tag oder bis zu dem Tag am Zielflughafen ankommen sollen. Sprich eine Sendung hätte gestern um 23:00 in Guangzhou (China) ankommen sollen. Am nächsten Tag checke ich, ob das so ist. Dazu trage ich nur die Sendungsdaten in ein Programm ein und er spuckt mir die aktuellsten Daten aus, zB hat die Sendung, die von Wien über Doha nach Guangzhou fliegen sollte, den Status, dass sie in Doha abgehoben ist. Wenn ich die Zeitverschiebung noch berechne, komme ich auf eine von drei Varianten: 1) Die Maschine fliegt noch 2) Die Maschine ist mit der Ladung an Bord gelandet, allerdings hat sie noch keiner in das Programm eingetragen 3) Die Maschine ist ohne die Ladung geflogen. Fall 3 bemerke ich dann, wenn ich Stunden nach der geplanten Landung noch keine Rückmeldung habe. Dann wird die Airline kontaktiert und die sagt mir dann, was mit der Sendung ist.

Fazit: Absolut spannender, aber sehr schwerer Beruf. Wer englisch kann, Organisieren kann und auch in stressigen Situationen kühlen Kopf bewahren kann, ist hier richtig. Gehalt ist laut meinen Kollegen (und vor allem deren Autos) auch nicht allzu übel!
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