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Zwischen Hörsaal und Container-Hafen. Das Duale Studium an der FH Wedel

Beruf & Karriere | Studium | Sonntag, 22 Februar 2015 | 867 | 0

Zwischen Hörsaal und Container-Hafen. Das Duale Studium an der FH Wedel
Julia arbeitet im praktischen Teil ihrer dualen Ausbildung bei Tudock

Sie besuchen Vorlesungen und büffeln für Prüfungen, genau wie ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Nur: Nach Uni-Schluss und in der vorlesungsfreien Zeit streifen sie sich Sicherheitsweste und Schutzhelm über oder schlüpfen in ihr Business-Dress. Dual Studierende lernen an der Hochschule Theorie und wenden ihr Wissen im Unternehmen an. Ein Arbeitstag mit Julia Menzel und Marc Augusto zeigt, was das duale Studium bringt und wie viel Zeit noch fürs Leben bleibt.
Wenn es freitags morgens neun schlägt, radelt Julia Menzel über die St. Annenbrücke zur Speicherstadt. Eine Hamburg-Flagge weht auf dem Giebel des HHLA-Gebäudes. Möwen ziehen in den Fleeten ihre Runden. Sie biegt in den Holländischen Brook ein. Noch einige Stufen die Treppen hoch zum ersten Boden des alten Backsteinspeichers und sie ist bei der Internetagentur Tudock. Julia ist 29 Jahre alt und studiert an der Fachhochschule Wedel im siebten Semester Medieninformatik. Bei Tudock absolviert sie den praktischen Teil ihres dualen Studiums.

Duale Studiengänge sind beliebt. Über 60.000 Studierende studierten 2011 in Deutschland im dualen Modell und jährlich werden es mehr. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist die Anzahl 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen. Die FH Wedel bietet das duale Studium für alle ihre Bachelor-Studiengänge an. Gute Gründe sprechen für ein duales Studium: Für dual Studierende ist der Übergang in den Job leicht. Die Zahlen einer Studie des BIBB belegen dies: Im Schnitt werden 89 Prozent der dual Studierenden von ihrem Ausbildungs-Unternehmen übernommen. Auch für Julia stehen die Chancen bei Tudock dafür sehr gut.

Gute Gründe sprechen für ein duales Studium

Das beste am dualen Studium ist für Julia aber der hohe Praxisbezug: „Einfach nur ein reguläres Studium hätte mir nicht ausgereicht. Ich wollte was Praktisches, nicht nur Theorie büffeln. Wenn die Prüfungsphase zu Ende geht und ich lange am Schreibtisch gesessen habe, freue ich mich richtig aufs Unternehmen. Andersrum freue ich mich nach dem Praxisblock auf das Uni-Leben und meine Kommilitonen.“

Julias Schreibtisch steht im Großraumbüro. Links von ihr fließt das Wasser der Elbe durch den Fleet, rechts sitzt ein Arbeitskollege. Während der Computer hochfährt, nimmt sie sich einen Apfel aus dem Bio-Obstkorb. Julia loggt sich bei Jira ein. Tudock managt mit dem Programm Kunden-Projekte. „Für jede einzelne Aufgabe im Projekt gibt es ein Ticket. Ich sehe mir alle an und ziehe ein Jobticket, das meinem Kenntnisstand entspricht.“ Meistens verbessert sie Web-Anwendungen, manchmal sucht sie nach Bugs, also nach Fehlern in Computer-Programmen: „Zurzeit repariere ich einen Button im Online-Shop. Wenn man auf das Icon „Einkaufswagen“ klickt, öffnet sich der Warenkorb nicht. Das muss schnell gefixt werden.“

Anders als im dualen Modell hätte Julia Medieninformatik nicht studieren können. Ein reguläres Studium wäre für sie finanziell nicht in Frage gekommen. „Meine Eltern haben mir schon das erste Studium Modedesign bezahlt. Ein zweites, normales Studium hätte ich mir da nicht leisten können,“ sagt Julia. Beim dualen Studium übernimmt das Ausbildungsunternehmen die Studiengebühren und bezahlt den Studierenden ein Gehalt, das dem eines Auszubildenden der Branche entspricht.

Julia beißt noch einmal kräftig in ihren Apfel. Bis Mittag möchte sie zwei Jobtickets erledigt haben.

Arbeiten zwischen Container-Schiffen und Kränen

Ein Uhr mittags. Das ist die Zeit, zu der Marc Augusto, 21, aus der Kantine kommt, seine neongelbe Schutzweste anzieht und sich seinen Helm aufsetzt. Sein Arbeitsplatz liegt inmitten von Kränen und Container-Schiffen. Vom Firmengebäude läuft er zum Container-Hafen. Am Ufer der Elbe liegen heute drei Schiffe. In der Ferne knallt Metall auf Metall; Container werden auf Schiffe verladen.

Aktuell ist Marc am Container Terminal Altenwerder (CTA) eingesetzt. Er studiert im fünften Semester Informatik im dualen System. Den praktischen Teil absolviert er bei der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA). Kräne löschen die Schiffe und laden die Container auf den AGVs (Automated Guided Vehicles) ab - das sind vollautomatische Fahrzeuge. Die Wagen bringen die Container ohne menschliche Hand zum Blocklager. Dort werden die Container automatisch eingelagert. Halbautomatisch verlädt ein Lagerkran die Container auf Lkws oder Güterzüge. Über eine Kamera steuern Mitarbeiter mit Joysticks und Monitoren, dass Container richtig auf Lkws verfrachtet werden.

Marc geht zurück zum Firmengebäude und fährt mit dem Aufzug in den vierten Stock zum Leitstand. Der sechseckige Raum ist rundherum verglast und sieht aus wie Flughafen-Tower. Prozess-Manager und Ship-Planner sitzen an drei bis fünf Bildschirmen und überwachen von hier, wie Kräne Schiffe be- und entladen.

Von hier blickt Marc auf das gesamte Gelände mit den unzähligen Containern, die sich wie bunte Legosteine in die Höhe stapeln: „Mit dem dualen Studium bin ich mittendrin. Änderungen in der Software können direkt Veränderungen auf dem Terminal hervorrufen. Man tippt etwas ein, schaut aus dem Fenster und sieht, dass auf dem Gelände gleichzeitig was passiert. Das finde ich toll.“ Bald steht für Marc eine neue Station an: „Meine betriebliche Ausbildung ist unglaublich vielfältig. In der nächsten Praxisphase bin ich im Zentralbereich Informationssysteme in der Speicherstadt eingesetzt. Dort steuern und betreuen wir mit über 180 Mitarbeitern die Software-Systeme zum Betrieb der HHLA-Terminals. Da freue ich mich drauf.“

Einen Wermutstropfen hat das duale Studium trotzdem. Arbeiten und Studieren gleichzeitig ist zeitintensiv. Anders als bei vielen anderen Hochschulen werden im dualen Studium der FH Wedel kaum Studieninhalte des Vollzeitstudiums durch Praxis ersetzt. Die Praxis erbringen die Studierenden zusätzlich. Dadurch müssen Julia und Marc nach Dienstschluss und an den Wochenenden noch den Stoff aus den Vorlesungen nachholen.

Langer Atem beim Bewerben

Interessierte sollten ihre Bewerbung schon lange vor Ausbildungsbeginn in Angriff nehmen. Denn nach Angaben des BBIB gibt es auf einen dualen Platz im Schnitt 33 Bewerbungen. Bei der HHLA sind es einige Hundert Bewerbungen auf die zu vergebenen Plätze. Marc hat circa ein Jahr vor Studienbeginn angefangen, Bewerbungen abzuschicken. „Nach der schriftlichen Bewerbung kam die Einladung der HHLA zu einem Einstellungstest. Dort standen verschiedene Wissenstests an. Danach fand ein Assessment-Center statt.“

Marc hatte in der Schule super Noten. Aber nicht nur darauf kommt es an. Nicola Lemke, Marcs Betreuerin und Leiterin der Abteilung Fach- und Führungsnachwuchskräfte-Entwicklung bei der HHLA, sagt klar: „Es kommt uns auch auf die sozialen Kompetenzen an und dass die Bewerber Motivation und Ausdauer zeigen. Uns ist wichtig, dass die Bewerber zum Unternehmen passen.“

Die FH Wedel kooperiert im dualen Modell mit gut 50 Unternehmen. Über die Studienplatzbörse unterstützt die Hochschule Interessierte bei der Suche. Wenn das Unternehmen den Bewerbern ihr Vertrauen ausspricht und sie für ein duales Studium einstellen, ist der Weg für ein Studium an der FH Wedel frei. Hier benötigen Bewerber als Zulassungsvoraussetzung nur noch die Hochschulzugangsberechtigung, also die Fachhochschulreife oder Abitur.

Um 17 Uhr ist für Marc heute Betriebsschluss. Er legt Schutzweste und Schutzhelm in den Spind und läuft über eine Brücke zur Bushaltestelle. In der Speicherstadt ist auch für Julia Schluss. Wie Marc erlebt sie das duale als zeitintensiver als ein reguläres Studium: „Doch man lernt einfach mehr beim dualen Studium.“ Sie und Marc würden sich wieder dafür entscheiden. Weil sie mit dem dualen Studium Theorie und Praxis verbinden und am Ende des Studiums beides können.
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